
Marc* 12 Jahre, aus Eberswalde, ein ganz normal aussehender Junge, der noch nicht einmal richtig in der Pubertät war. Sein Vater ist verstorben, die Mutter ist alkoholabhängig und ständig betrunken. So ist er von "Zuhause" abgehauen und mitten auf dem Alexanderplatz in Berlin gelandet, umgeben von viel älteren "neuen Freunden", mit denen er besser nichts zu tun haben sollte. Bei einer unserer Essensausgaben kam unser Streetworkteam mit ihm ins Gespräch, so dass wir ihm - in Zusammenarbeit mit einem Wohnprojekt - schnell helfen konnten. Marc ist nun weg von der Straße und das ist gut so.
Floh* ist mit neun Jahren das erste Mal von zu Hause weggelaufen. Es war im Herbst, als sie ihre erste Woche auf der Straße verbrachte, nachts schlief sie über dem Lüftungsschacht einer Tiefgarage, weil da schön warme Luft herauskam. Sie wurde in einer Kleinstadt in Brandenburg geboren. „Finanziell war immer alles in Ordnung bei uns”, sagt sie. Wenn da nicht das Gefühl gewesen wäre, dass ihre Eltern immer nur ihrer fünf Jahre älteren Schwester zuhörten, dass die Große immer mehr Geschenke und ein Stück mehr Liebe bekam. Damals wusste Floh noch nicht, dass sie adoptiert wurde.
Als Floh nach einer Woche nach Hause zurückkehrte, sagte ihre Mutter „Ach, nee, ist das Fräulein auch wieder da?”Floh trank weiter Schnaps, klaute Wodka beim Plusmarkt und traf sich mit Jugendlichen im Park, mit den Punks, den Skins, den Hippies. Irgendwie schlängelte sich Floh trotzdem durch die Schule, schaffte es sogar aufs Gymnasium, obwohl sie anfing, Drogen zu nehmen. Erst kiffte sie, dann nahm sie Tabletten, dann Koks und schließlich setzte sich Floh den ersten Schuss Heroin. Da war sie elf Jahre. „Ich habe es genommen, weil ich dachte, dass es mich schmerzunempfindlicher macht.”
Als sie eines Abends bedröhnt nach Hause kam, schlug der Vater zu. Heute kann sie sich nur noch daran erinnern, dass er auf ihrem Rücken saß und auf sie einprügelte. Am nächsten Tag wachte Floh im Krankenhaus auf, vor ihr saß der Vater und weinte.
Zwei Wochen später fuhr Floh per Anhalter nach Köln und lebte die nächsten Wochen auf der Domplatte. Schnorrte für Heroin, zwei Schuss am Tag mussten es mindestens sein. Zum Schlafen suchte sie sich nicht einmal mehr ein Eckchen in der Tiefgarage. „Ich hatte kein Schamgefühl mehr, irgendwann legt man sich einfach irgendwohin und schläft”, sagt sie.
Ein Freund von der Straße machte ein Foto von ihr im Rausch und zeigte es ihr am nächsten Morgen. „Ich sah so am Ende aus, total verwahrlost, dass ich dachte, jetzt mache ich einen Schlussstrich.”
Mit 14 Jahren machte Floh eine Drogentherapie in einer abgeschiedenen Klinik in Brandenburg. Innerhalb von einem 3/4 Jahr war sie clean.
Das Verhältnis zu ihren Eltern ist wieder besser, auch wenn Floh lieber alleine wohnt. Verwandte unterstützen sie, damit sie jeden Monat 163 Euro Miete zusammen bekommt. „Wir haben nie so richtig darüber geredet, dass ich adoptiert bin”, sagt Floh. Sie hat nicht weiter nachgefragt, nachdem sie einmal ihren leiblichen Vater traf, der zu ihr sagte, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte, weil sie "asozial" sei.
Floh ist heute 17 und hat die zehnte Klasse auf dem Gymnasium abgeschlossen und macht jetzt eine Ausbildung.
In ihrer schlimmsten Zeit kam sie regelmäßig zu uns. Floh: „Ihr Streetworker vom Straßenkinder e.V. wart für mich wie eine Familie und habt mir geholfen, mein Leben in den Griff zu kriegen.”
Als wir Katy* (15) das erste mal trafen, war sie kurz davor, von zu Hause abzuhauen. Danach lebte sie mit ihrem Hund für über 1/2 Jahr auf den gefährdeten Plätzen Berlins. Der Hund war Freund und Schutz zugleich. Am Ende dieser Zeit kamen wir wieder mehr und mehr in Kontakt mit ihr und sie nahm regelmäßig an den offenen Abenden unseres Jugendtreffs teil. Unser Team half ihr durch Wohnungssuche, Nachhilfe, und motivierte sie zum Realschulabschluss. Die Noten verbesserten sich von Fünfen auf Zweien und Dreien.
Katy lebt jetzt in einem Wohnprojekt und macht eine Ausbildung. Ihr Leben hat sich mehr und mehr stabilisiert, sie steht auf eigenen Beinen, und wir haben immer noch Kontakt zu ihr.
Pedro* kam in unseren Jugendtreff, nachdem er am selben Tag einen Entzug in einer brandenburgischen Klinik abgebrochen hatte, er war drogenabhängig. Glücklicherweise entwickelten sich mit ihm über längere Zeit hervorragende Gespräche und so konnten wir ihn davon überzeugen, es nochmals zu probieren, von den Drogen wegzukommen. In einer Therapie in Lüdenscheid, die wir ihm empfahlen, schaffte er es schließlich, drogenfrei zu leben und seine Persönlichkeit stabilisierte sich.
* Die Namen der Personen wurden geändert.